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Humorvoller Dorfkrimi · Fiktion

Der falsche Falke vom Vogelsbergblick

Eine humorvolle Kriminalgeschichte aus Falkenrode – mit Polizeihauptmeister Jens Richter und Polizeianwärterin Lisa Mönchsgruber

Eine frei erfundene Geschichte aus Falkenrode. Kein tatsächlicher Polizeieinsatz und keine amtliche Meldung.

Es war Dienstagmorgen, kurz nach sieben, in Falkenrode. Über den Wiesen des Vogelsbergs lag dichter Nebel, und die Luft war so kalt, dass selbst den Kühen auf dem Hof Ahrens die Tränen in die Augen getrieben wurden. Die kleine hessische Gemeinde mit ihren 492 Einwohnern erwachte langsam zu einem neuen Tag.

Polizeihauptmeister Jens Richter saß in seinem Streifenwagen und nahm einen kräftigen Schluck aus seiner Thermoskanne. Der Kaffee schmeckte wie immer nach den späten Achtzigerjahren, was Jens allerdings nicht weiter störte. Für ihn war Kaffee vor allem eines: heiß und zuverlässig.

Auf dem Beifahrersitz saß die junge Polizeianwärterin Lisa Mönchsgruber. Ihre Dienstmütze war so exakt ausgerichtet, dass man damit vermutlich eine Wasserwaage hätte kalibrieren können. Lisa war ehrgeizig, hochmotiviert und fest entschlossen, ihren ersten großen Kriminalfall aufzuklären.

Dass Falkenrode dafür möglicherweise nicht der ideale Dienstort war, hatte sie bislang noch nicht eingesehen.

Als der Streifenwagen langsam am neuen Gewerbegebiet „Am Vogelsbergblick“ vorbeifuhr, griff Lisa plötzlich zum Fernglas.

„Chef! Sofort anhalten! Schauen Sie dort drüben auf Parzelle 4/1! Flur 4, Gemarkung Falkenrode! Das ist doch kein normales Baumaterial für die geplante Zimmerei!“

Jens bremste und schaute gelangweilt aus dem Fenster.

„Was denn nun wieder?“

„Eine Greifvogelskulptur! Aus vergoldetem Messing! Und anatomisch völlig unkorrekt!“

Jens stellte seine Thermoskanne ab, seufzte und betrachtete den Gegenstand, der mitten im Schotter lag.

„Lisa, das ist unser Wanderfalke aus der Schaukastenvitrine vom Dorfkino. Den hat der Heimatverein 1982 beim Tauziehen gegen Grebenhain gewonnen. Michael Storch poliert das Ding sonst jeden ersten Donnerstag im Monat mit Messing-Glanz.“

Doch als die beiden näher kamen, stellten sie fest, dass der Messingfalke keineswegs zufällig dort lag.

An seinem Schnabel war mit einem Stück Klebeband ein Umschlag befestigt. Auf der Vorderseite standen in großen, verwackelten Filzstiftbuchstaben die Worte:

„Wer den Falken stört, dem brennt der Fermenter!“

Besonders merkwürdig war, dass der Brief auf dem offiziellen Kopfbogen der Bioenergie Falkenrode eG geschrieben worden war.

Lisas Augen begannen zu leuchten.

„Chef, das ist eindeutig! Ein Erpressungsversuch mit energiepolitischer Tragweite! Vermutlich soll die Erschließung des Gewerbegebiets sabotiert und gleichzeitig unsere Nahwärmeversorgung destabilisiert werden. Wir müssen sofort die Reifenspuren sichern! Ich hole den Gips!“

Jens verschränkte die Arme.

„Lass den Gips im Kofferraum, Lisa. Der Lehm gehört dem Bauern Ahrens, und die Reifenspuren stammen von meinem eigenen Streifenwagen. Ich war gestern Nachmittag schon hier.“

Doch Lisa ließ sich davon nicht entmutigen. Irgendetwas war an dieser Angelegenheit faul, und sie wollte herausfinden, was es war.

Jens wusste aus jahrzehntelanger Erfahrung, dass man in Falkenrode Verbrechen nicht unbedingt mit modernster Spurensicherung aufklärte. Meistens genügte es, dort vorbeizuschauen, wo die Leute miteinander redeten.

Und das war in diesem Fall der Barbershop von Mohammed.

Das kleine Geschäft befand sich in einem alten Fachwerkhaus am Mühlenweg. Bereits beim Betreten wurden die beiden Polizisten freundlich begrüßt.

„Wallah, Herr Polizeihauptmeister! Moin Moin! Setzen Sie sich! Ich mache Ihnen die Konturen neu, Ehrensache!“

Jens hob abwehrend die Hand.

„Heute nicht, Mohammed. Wir haben ein paar Fragen.“

Mohammed legte seine Schere beiseite und rückte einen Stuhl zurecht.

„Fragen können Sie immer stellen. Auf diesem Stuhl wird nicht gelogen!“

„Ist Ihnen gestern Abend etwas Ungewöhnliches aufgefallen?“, fragte Lisa.

Mohammed überlegte kurz.

„Ungewöhnlich? Na ja, gestern um Punkt 23 Uhr kam tatsächlich jemand vorbei. Hat gefroren wie ein Schneider. Die Person hatte überall Vogelsberger Tannennadeln am Kittel und roch extrem stark nach Kamillentee und Zirbenholz.“

Lisa zog sofort ihr Notizbuch hervor.

„Tannennadeln? Zirbenholz? Kamillentee? Das ist doch das olfaktorische Profil der Landarztpraxis am Oberwald!“

Jens sah sie von der Seite an.

„Das was?“

„Das Geruchsprofil, Chef! Dr. Rosa Zielinski könnte in die Sache verwickelt sein.“

Mohammed beugte sich verschwörerisch über den Tresen.

„Aber passen Sie auf! Die Person hatte auch ein Papierrezept dabei. Und darauf stand kein gewöhnlicher Hustensaft, sondern irgendetwas von einer Geheimmischung aus der Apotheke. Angeblich haben die dort stundenlang bei grünem Licht gearbeitet!“

Lisa war begeistert.

Endlich nahm der Fall Fahrt auf.

Jens hingegen fragte sich, warum ein Barbershop um 23 Uhr überhaupt noch geöffnet gewesen war. Er beschloss, diese Frage zunächst nicht weiterzuverfolgen.

Die nächste Spur führte die beiden mitten in den historischen Ortskern.

Im Dorfkino Falkenrode saß Kinobetreiber Michael Storch vor einem Kontrollmonitor. Er wirkte ungewöhnlich nervös und tippte hektisch auf seiner Tastatur herum.

Als Jens und Lisa eintraten, sprang er erschrocken auf.

„Ach, Herr Richter! Sie kommen bestimmt wegen des Messingfalken!“

Jens nickte.

„Der fehlt Ihnen also schon?“

„Natürlich! Ich wollte gestern eigentlich nur einen alten Edgar-Wallace-Krimi für die Samstagsvorstellung digitalisieren. Aber dann habe ich heute Morgen die Aufzeichnung unserer Überwachungskamera angesehen. Da stimmt etwas nicht!“

Er drehte den Monitor zu den beiden Polizisten.

Die Aufnahmen stammten aus der vergangenen Nacht, genau um 1:15 Uhr.

Auf dem körnigen Schwarz-Weiß-Bild war deutlich eine vermummte Gestalt zu erkennen, die den schweren Messingfalken auf einer hölzernen Sackkarre aus der Seitentür des Kinos schob.

Wenig später fuhr hinter der Hecke ein alter Traktor vorbei. Ohne eingeschaltete Scheinwerfer.

Jens erkannte das Fahrzeug sofort.

„Der alte Deutz vom Ahrens. Baujahr irgendwo in den Fünfzigern. Den bekommt sogar mein dreijähriger Neffe mit einer verbogenen Büroklammer gestartet.“

Lisa hingegen sah bereits eine viel größere Verschwörung.

„Chef! Jetzt passen die Puzzleteile zusammen! Die Ärztin liefert die Duftstoffe, die Apothekerin stellt eine geheimnisvolle Substanz her, der Barbershop dient als Umschlagplatz, das Kino liefert das Diebesgut und der Traktor transportiert alles zum Biogas-Fermenter!“

Sie schlug energisch ihr Notizbuch zu.

„Das ist keine Einzeltat. Das ist ein organisiertes Dorfkartell!“

Jens schwieg.

Er hatte in seiner langen Dienstzeit bereits vieles erlebt. Gestohlene Gartenzwerge, verschwundene Milchkanister, einen entlaufenen Ziegenbock und sogar einen Nachbarschaftsstreit um eine falsch geschnittene Hecke.

Aber ein organisiertes Dorfkartell war ihm tatsächlich noch nicht untergekommen.

Trotzdem musste er zugeben, dass an der Geschichte irgendetwas nicht stimmte.

Am Abend beschlossen die beiden, das Gewerbegebiet noch einmal genauer unter die Lupe zu nehmen.

Kurz vor Mitternacht parkten sie ihren Streifenwagen am Rand der Parzelle 4/3, unmittelbar beim Gemeindebauhof.

Der Nebel war inzwischen so dicht geworden, dass man kaum die Hand vor Augen sehen konnte. Zwischen den Holzstapeln der geplanten Zimmerei bewegten sich mehrere Gestalten.

Lisa hielt den Atem an.

„Chef, dort hinten! Ich sehe mindestens fünf Personen!“

Jens beugte sich nach vorne.

„Tatsächlich.“

„Jetzt haben wir sie! Auf frischer Tat!“

Bevor Jens etwas erwidern konnte, griff Lisa zum Schalter des Einsatzscheinwerfers.

„Zugriff in drei … zwei … eins! Hände hoch! Polizei!“

Mit einem kräftigen Klacken sprang das Flutlicht an.

Die Gestalten zuckten erschrocken zusammen.

Doch statt gefährlicher Erpresser standen dort fünf ausgesprochen friedlich wirkende Falkenroder Bürger.

Dr. Rosa Zielinski hielt eine Thermoskanne in der Hand. Neben ihr stand die Apothekerin mit zwei dampfenden Blechen Zwiebelkuchen. Mohammed hatte eine kleine Nagelschere dabei, und Michael Storch hantierte an einer alten Nebelmaschine herum.

Mitten zwischen ihnen stand Bürgermeister Wolfgang Baselag in seinem dunklen Sonntagsanzug.

„Um Himmels willen, Jens! Lisa!“, rief der Bürgermeister entsetzt. „Müsst ihr uns denn so erschrecken? Ich hätte mir beinahe die Zunge an meinem Kamillentee verbrannt!“

Lisa stand mit gezogenen Handschellen vor der Gruppe.

„Sie stehen unter dem Verdacht der versuchten Nötigung, der Entwendung von Kulturgut und der Sabotage unserer Bioenergie-Infrastruktur!“

Einen Augenblick herrschte völlige Stille.

Dann begann Dr. Zielinski laut zu lachen.

„Aber Kindchen! Wir sabotieren doch nicht unsere eigene Nahwärmeversorgung!“

Lisa blickte verwirrt von einem zum anderen.

„Aber der Falke … der Drohbrief … die geheimnisvollen Zutaten …“

Die Ärztin schüttelte schmunzelnd den Kopf.

„Das Ganze war eine geheime Generalprobe für das 100-jährige Jubiläum unserer Dorfgemeinschaft. Wir wollten eine besondere Überraschung vorbereiten. Der Messingfalke sollte als symbolischer Grundstein in den Rohbau der neuen Zimmerei eingemauert werden. Natürlich nur in einer dafür vorgesehenen kleinen Kammer, damit man ihn später wieder herausholen kann.“

Michael Storch nickte eifrig.

„Und meine Nebelmaschine sollte für den feierlichen Auftritt sorgen!“

Die Apothekerin hob eines ihrer Backbleche hoch.

„Und ich habe für die Gäste Zwiebelkuchen gebacken. Nach einem neuen Rezept mit etwas Chili.“

Mohammed grinste.

„Und ich war nur hier, weil der Bürgermeister vorher noch seinen Bart gestutzt haben wollte.“

Jens sah sich langsam in der Runde um. Dann blickte er den Bürgermeister an.

„Wolfgang, eine Frage hätte ich da allerdings noch.“

„Ja, Jens?“

„Was hat es mit diesem Drohbrief auf sich? Da steht: Wer den Falken stört, dem brennt der Fermenter!“

Der Bürgermeister runzelte die Stirn.

„Was soll da stehen?“

„Der Fermenter, Wolfgang. Das Ding von der Biogasanlage.“

Baselag nahm den Brief entgegen und setzte seine Lesebrille auf.

Für einen Moment studierte er die krakeligen Buchstaben. Dann begann er verlegen zu lächeln.

„Ach Gott, Jens. Das heißt doch nicht Fermenter!“

„Sondern?“

„Gaumen!“

Jens starrte ihn an.

„Gaumen?“

„Natürlich! Ich habe geschrieben: Wer den Falken stört, dem brennt der Gaumen vor Schärfe! Wegen des neuen Chilis im Zwiebelkuchen!“

Er schüttelte den Kopf.

„Du weißt doch, dass meine Handschrift seit meiner Amtseinsetzung immer schlimmer geworden ist.“

Jens schloss für einen Moment die Augen.

Dann musste er lachen.

Erst leise, dann immer lauter.

Auch Lisa konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Michael Storch hielt sich den Bauch, Mohammed klopfte dem Bürgermeister auf die Schulter, und selbst die sonst so beherrschte Apothekerin wischte sich eine Lachträne aus dem Augenwinkel.

Aus einem vermeintlichen Erpressungsfall war eine missverstandene Einladung zum Zwiebelkuchenessen geworden.

Lisa steckte ihre Handschellen zurück in die Tasche.

„Dann werde ich wohl meinen Ermittlungsbericht korrigieren müssen.“

„Mach das“, sagte Jens. „Und schreib diesmal nicht wieder sieben Seiten.“

Lisa holte ihr Notizbuch hervor und notierte mit sorgfältiger Handschrift:

Ermittlungsakte 404/B. Ergebnis: Kein strafrechtlich relevanter Sachverhalt. Vielmehr Vorbereitung eines kommunalen Großereignisses unter Beteiligung verschiedener örtlicher Einrichtungen.

Jens nahm einen Becher heißen Tee entgegen, biss in ein warmes Stück Zwiebelkuchen und betrachtete die Lichter des neuen Gewerbegebiets „Am Vogelsbergblick“.

„Nicht schlecht“, murmelte er kauend.

„Der Zwiebelkuchen?“, fragte die Apothekerin.

„Ja. Aber beim nächsten Mal vielleicht ein bisschen weniger Chili.“

Bürgermeister Baselag lächelte zufrieden.

„Seht ihr, genau das ist Falkenrode. Hier hält man zusammen.“

Jens nickte.

„Stimmt, Wolfgang. Aber bei der nächsten Gemeindefeier lässt du den Drohbrief besser weg.“

Alle lachten.

Und so endete eine aufregende Nacht in Falkenrode, einer kleinen hessischen Gemeinde mit 492 Einwohnern im Vogelsbergkreis.

Ein Verbrechen war nicht aufgeklärt worden, weil es niemals eines gegeben hatte. Dafür hatten die Falkenroder wieder einmal bewiesen, dass selbst das größte Missverständnis am Ende bei einer Tasse Tee und einem Stück Zwiebelkuchen aus der Welt geschafft werden konnte.

Polizeihauptmeister Jens Richter fuhr schließlich mit Lisa zurück zur Dienststelle.

„Na, Lisa“, fragte er unterwegs, „was haben wir heute gelernt?“

Sie überlegte einen Augenblick.

„Dass man bei einer kriminalistischen Ermittlung niemals vorschnelle Schlüsse ziehen sollte?“

Jens nickte zufrieden.

„Richtig.“

Er nahm einen letzten Schluck aus seiner inzwischen fast leeren Thermoskanne.

„Und dass man die Handschrift vom Bürgermeister grundsätzlich nur mit einem Dolmetscher lesen sollte.“

Lisa lachte.

Über Falkenrode lag wieder die gewohnte Ruhe.

Zumindest bis zum nächsten Morgen.

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